Elfie und die Unterhosen – eine, zuerst traurige, dann erheiternde wahre Geschichte

Unsere Geschichte spielt, mal wieder, im Altenheim. Seit Corona ist das Leben im Heim noch ein bisschen trostloser und beschwerlicher geworden, als es eh schon war. Es gibt seit eineinhalb Jahren nur noch feste Besuchszeiten mit vorher vereinbarten Terminen, die Besucher und Besucherinnen dürfen nicht länger als maximal eine Stunde in den Zimmern ihrer Angehörigen bleiben, und die gemeinsamen Freizeitaktivitäten sind auf das absolute Minimum beschränkt. Früher wurde im Altenheim noch gebastelt, es fanden Musikveranstaltungen statt, oder es wurde gemeinsam gekocht.

Das alles ist seit Corona Vergangenheit, und die meiste Zeit brüten die Bewohner und Bewohnerinnen in ihren Zimmern vor sich hin. Ein großer Teil der Insassen kann weder lesen noch fernsehen, weil Augen und Ohren mit der Zeit zu schlecht geworden sind, und so vergeht einfach die Zeit im Heim. Stunde um Stunde, von Essen zu Essen, Tag um Tag. Eintöniger, grauer Alltag, wie er langweiliger kaum sein könnte. „Wegen Corona“ war auch der Garten lange Zeit ab 16 Uhr geschlossen. Als ob das Virus im Freien ab 16 Uhr aggressiver wäre. Mittlerweile ist er zumindest bis 17 Uhr geöffnet – ein kleiner Erfolg für den Heimbewohnerbeirat, der sich dafür eingesetzt hatte.

Seit eineinhalb Jahren steht das Leben im Heim noch stiller als zuvor. Und man hat nicht das Gefühl, als würde sich das in absehbarer Zeit ändern. Ich persönlich nehme auch gar keinen Willen wahr, das alte Leben wiederherzustellen. Ist ja auch alles einfacher so, und der Personalmangel kann so einigermaßen ausgeglichen werden, indem außer den allernötigsten Pflegemaßnahmen nichts mehr passiert.

Es ist eine traurige Angelegenheit. Allerdings muss man auch sagen, dass sich die alten Leute sehr schnell an das neue Normal gewöhnt haben. Sie haben keine Kraft und keinen Willen, sich mit Missständen auseinander zu setzen, schon die Erweiterung der Gartenöffnungszeiten war ein kleiner Kraftakt. Die meisten der alten Leute im Heim haben die Kriegszeit oder direkte Nachkriegszeit noch live miterlebt. Die kennen so viele schlechte Zeiten, die haben sich von klein an so an Leid und Mangel gewöhnt, dass sie oft einfach froh sind, ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen zu haben.

Die Elfie – sie heißt in Wirklichkeit natürlich anders, ich hab für unsere Geschichte ihren Namen geändert – und ich, wir kennen uns schon lange. Vor vielen Jahren ist sie noch zu Fuß mit dem Rollator zu mir in die Praxis gekommen, später bin ich dann auf Hausbesuch zu ihr nach Hause gekommen. Als sie mit 84 Jahren dann ins Altenheim musste, weil sie zuhause die Treppe kaum mehr hochgekommen ist, hat sie mich gefragt, ob ich auch noch zu ihr ins Heim kommen würde. Natürlich mach ich das! Ist doch klar!

Seitdem hatte ich nach längerer Zeit wieder einen Hausbesuch im Altenheim. Einige Jahre zuvor hatte ich es endlich geschafft, alle Patienten in Heimen abzugeben. Ich wollte da nicht mehr hin. Ich war so viele Jahre in verschiedensten Heimen unterwegs gewesen, hatte so viel Leid und Einsamkeit erlebt, diese Energie wollte ich weder meinem Geist, noch meinem Körper weiterhin antun.

Als die Elfie ins Heim gekommen ist, nahm ich, zumindest für diesen einen Termin in der Woche, meine Hausbesuchs-Tätigkeit im Altenheim wieder auf. Immerhin kannten wir uns bis dahin schon fast 10 Jahre. In so einer langen Zeit entwickelt man eine Beziehung zueinander. Ich mag die Elfie wirklich narrisch gern, und sie mich auch. Natürlich mache ich da eine Ausnahme von meinem Vorsatz.

Ab da änderte sich meine Funktion in Eflies Leben grundsätzlich. Zuvor hatte sie zuhause gewohnt, umgeben von Nachbarschaft, Verkehrslärm, und einem normalen Lebensalltag mit Postboten, Getränkelieferanten, kleinen Einkäufen beim Bäcker. Für alles andere half ihre Tochter. Irgendwann wurde es der Tochter zu viel mit kochen, Wäsche waschen, den Garten machen, zur Apotheke fahren, und all den anderen Dingen, die an einem Kind oftmals hängen bleiben, wenn die Eltern alt werden. Da musste die Elfie ins Heim umziehen. Weg aus der Nachbarschaft, in der sie seit ihrer Kindheit gewohnt hatte, weg vom Postboten und vom Limofahrer, mit denen sie sich ab und zu ein bisschen unterhalten hatte. Weg von ihrem Leben, das sie über 70 Jahre dort gelebt hatte. Seit sie mit 11 Jahren, damals natürlich zusammen mit ihren Eltern, in dieses Haus eingezogen war.

Die erste Zeit im Altenheim war schwierig, sie weinte viel, und ich wusste, jetzt brauchte sie mich nicht nur für eine gemütliche Stunde mit Behandlung und ein bisschen Ratschen. Jetzt brauchte sie mich für viel mehr. Als Halt, als einen der wenigen Bezugspunkte, die sie sich mit ins Altenheim gerettet hatte. Als Aufheiterung, als Stütze. Und das war ich, und bin ich noch immer, so gern. Sie war nicht nur eine treue Patientin gewesen, die immer alle Rechnungen pünktlich überwiesen und nie einen Termin ausfallen hatte lassen.

Sie war eine Freundin geworden, mit der ich auch oft nach der Behandlung noch einen Tee getrunken, und noch ein bisschen weitergeratscht hatte.

Und so kam ich zu jedem Termin im neuen Leben im Seniorenheim in bester Laune, auch, wenn mir vielleicht grade gar nicht danach war, ich erzählte so viele Witze, wie ich konnte, erzählte ihr die lustigen und kuriosen Geschichten meines Familienlebens, lästerte über meinen Mann, wenn er mich geärgert hatte.

Ich erzählte so viel ich konnte, massierte nicht nur ihren Rücken, sondern ihre Seele, sprach ihr Mut zu, tröstete auch mal. Ich gab so viel ich konnte von dem zurück, was ich über die Jahre an Zeit und Geld und Freundlichkeit und Tee und Kuchen bekommen hatte.

Die Elfie und ich wuchsen noch enger zusammen, wir freuten uns beide jede Woche auf unsere gemeinsame Stunde.

Und dann kam Corona. Ich durfte nicht mehr hinein ins Heim, Telefonieren war wegen ihrer Schwerhörigkeit sehr beschwerlich, und sie tat mir einfach nur leid. Da fing ich an, ihr Briefe zu schreiben. Jede Woche gab ich einen Brief für sie persönlich im Heim ab. Zum einen, um der Elfie das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine ist, zum anderen, um sie zumindest schriftlich ein bisschen zu unterhalten. Außerdem konnte ich so den Mitarbeiterinnen im Heim gleich in guter Erinnerung bleiben. Wenn sie sehen würden, dass ich mich trotz Lockdown weiter kümmere, dass ich zuverlässig und besorgt bin, würde ich bestimmt unter den ersten Therapeuten sein, die wieder auf Hausbesuch kommen dürften. (Mein Plan ging übrigens auf. Ich war tatsächlich nach dem Lockdown eine der ersten, die wieder rein durften.)

Also schrieb ich der Elfie jede Woche einen Brief. 10 Seiten, in Schriftgrad 18, mit Schriftart Arial. Ich hatte gegoogelt, und gelernt, dass eine serifenlose Schrift leichter zu lesen ist für sehbehinderte Menschen. Elfie ist nämlich fast blind, und muss mit einer riesigen Lupe lesen. Und selbst dann kann sie in der Zeitung nur noch die Überschriften entziffern.

Also schrieb ich jede Woche einen Brief und brachte ihn ins Heim. Ich schrieb davon, wie sehr ich sie vermisse, wie blöd das alles mit Corona ist, was bei uns alles grade passiert, dass ich nur noch am Kochen und Putzen bin, seit die Kinder nicht mehr in die Schule gehen, erzählte, was draußen grade so los war.

Die Wochen vergingen, und nach 6 Wochen wurde die strenge Isolation ein bisschen leichter. Ich durfte wieder ins Heim, aber nur in Vollverkleidung. Mit einem riesigen weißen Kittel, der bis zum Boden reichte, und natürlich mit Maske. Obwohl alle im Heim geimpft sind, ist bis heute Maskentragen Pflicht. Die armen Leute – die sehen und hören schlecht, und dürfen ihre Angehörigen nur mit Maske sehen.

Aber zum Glück waren wir endlich wieder beieinander! Aus den Widrigkeiten machte ich für diese eine gemeinsame Stunde oft die lustigsten Kindereien. Den Mantel band ich mir mal unter der Brust zusammen, und sagte, ich hätte mich als griechische Göttin verkleidet, oder ein anderes Mal scherzten wir, ich sei ihr Engel im Engelsgewand. Mal verbeugte ich mich mit Hofknicks und hob dabei majestätisch das Kleid an, mal schritt ich mit wehendem Gewand durch das Zimmer, und ein anderes Mal tanzte ich Walzer. Obwohl ich nicht mal weiß, wie man einen Walzer tanzt, aber es passte einfach so gut zu dem riesigen Mantel-Kittel-Gewand-Dings, das ich anziehen musste.

Das Leben im Heim normalisierte sich ein winziges bisschen, genau wie das Leben draußen. Draußen war immer mal wieder Lockdown, drinnen durfte man sich zumindest wieder ein bisschen außerhalb der Zimmer bewegen, und durfte mit Angehörigen zumindest mal einen Spaziergang im Freien machen.

Eines Tages fragte mich die Elfie, wie es denn mittlerweile so in der Stadt wäre. Das war noch im Winterlockdown Anfang dieses Jahres, 2021. „Elfie, das kannst Du Dir nicht vorstellen. In der Stadt hat echt alles zu. Alles. Bis auf den Markt, Apotheken und Drogeriegeschäfte hat nichts offen. Kein Schuhladen hat offen, man kann keine Klamotten, keine Unterwäsche, keine Socken, kaufen. Wenn man nicht zufällig grad dann was braucht, wenn es Aldi im Angebotssortiment hat, kannst Du Dir Dein Zeug höchstens noch im Internet bestellen.“ Elfie konnte das kaum glauben. Sowas gab es ja nicht mal direkt nach dem Krieg, dass alles zu war, meinte sie. Nicht mal während des Krieges.

Beim nächsten Besuch klagte ich ihr mein Leid, dass ich mittlerweile wirklich dringend ein paar neue Unterhosen brauch. Aber ich weigere mich, mir meine Sachen im Internet zu kaufen, wenn der örtliche Einzelhandel grade vor die Hunde geht. „Soweit kommt´s noch!“ wetterte ich. Ich will meine Unterhosen in der Stadt, im Laden kaufen. Und nicht bei Aldi, und nicht im Internet!

„Du schau mal in meinen Schrank. Die Brigitte (die Tochter) hat mir letztens einen riesigen Stapel Unterhosen gebracht. So viele brauch ich doch gar nicht, und wir beiden dürften ziemlich die gleiche Größe haben.“ „Elfie! Auf keinen Fall! Ich kann Dir doch nicht Deine Unterhosen wegnehmen, die brauchst Du doch selber!“ – „Doch!“ bestand sie drauf. „Jetzt schaust Du da einfach mal in das Fach in meinem Schrank wo die schwarze Wäsche liegt, da ist bestimmt was für Dich dabei.“ Sie gab nicht nach, also nahm ich den schwarzen Stapel aus dem Schrank.

Es war sehr teure, ganz neu gekaufte Markenunterwäsche. So um die 20 Stück. Die Tochter hatte sich anscheinend in der kurzen Pause, in der die Geschäfte geöffnet waren, nicht lumpen lassen für ihre Mama. „Die sind wirklich schön, aber ich kann Dir nicht Deine Unterwäsche wegnehmen. Außerdem sind die alle nagelneu!“ – „Ja, deshalb geb ich sie Dir ja! Meinst Du, ich würd Dir meine gebrauchten Unterhosen unterjubeln!“ sagte sie ganz entrüstet. Ich versuchte wirklich mich redlich zu wehren. So lange bis die Geschäfte aufmachen könnte ich schon noch warten.

„Nix da!“ protestierte sie. „Du brauchst welche, ich hab welche, also nimm sie. Du tust eh immer so viel für mich, und ich kann Dir gar nichts mehr zurückgeben, seit ich nicht mehr daheim wohne. Ich kann Dir nicht mal mehr Tee anbieten. Jetzt nimm die Hosen, steck sie in die Tasche, damit sie keiner sieht, und gib Ruhe.“ – „Na gut…“ gab ich schließlich nach. „Aber nur unter Protest. Und ich nehme nur eine!“ Am Ende einigten wir uns auf drei Stück. Eine ist keine, meinte sie.

Ich bedankte mich hundert Mal, verabschiedete mich wie immer herzlich mit einer tiefen Verbeugung und wehendem Mantel, und fuhr heim.

Die Geschäfte hatten nach dieser Woche noch viele weitere Wochen zu. Und ich war wirklich froh, nicht mehr so lange auf neue Wäsche warten zu müssen. Und bis heute freue ich mich jedes Mal, wenn ich wieder in eine von diesen bequemen, weichen Markenteilen schlüpfen kann. Sie geben mir nicht nur ein kuscheliges Gefühl auf der Haut, sondern auch in meiner Seele!

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